Der Marsch in die „Erneuerbaren“ bedroht Europas Stromversorgung

Am Freitag, den 8. Januar, um 14.05 Uhr wurde in ganz Europa Alarm geschlagen, als das kontinentale Stromnetz nur knapp einem kompletten Ausfall entging. Die Katastrophe wurde nur vermieden, weil das gesamteuropäische Energieverteilungssystem schnell reagierte, indem man entstehende Lücken mit zusätzlichen Stromlieferungen aus mehreren Ländern überbrückte und die Versorgung für bestimmte Großverbraucher in Italien und Frankreich vorübergehend abschaltete (vertraglicher Lastabwurf). Dank dieser Maßnahmen konnte man die Stromfrequenz, die 50 Schwingungen pro Sekunde (Hertz, Hz) betragen soll, aber kurz unter die kritische Marke von 49,8 Hz gesunken war, schnell wieder stabilisieren und so verhindern, daß ein großer Teil des Systems und die Stromversorgung von zig Millionen Haushalten zusammenbrach. Ein solches Ereignis hatte es zuletzt am 4. November 2006 gegeben, als 10 Millionen Haushalte vom Stromausfall betroffen waren.

Zunächst hieß es, der Auslöser für den Beinahe- Blackout habe in Rumänien gelegen. Die eigentliche Ursache lag jedoch in Deutschland, dessen Regierung davon besessen ist, aus allen fossilen Energieträgern und aus der Kernkraft auszusteigen und das ganze Land und seine Wirtschaft von „erneuerbaren Energien“ wie Solar- und Windkraft und Biomasse abhängig zu machen. Die Hälfte dieses Ziels hat die deutsche Regierung im vergangenen Jahr erreicht, als die „Erneuerbaren“ erstmals einen Anteil von mehr als 50 % an der nationalen Stromversorgung hatten. Das endgültige Ziel von 100 % soll 2040 erreicht werden. Da an dem Tag jedoch die Stromerzeugung aus Wind- und Solarkraftwerken in Deutschland aufgrund der Witterungslage praktisch ausfiel, wurde der benötigte Strom von den europäischen Nachbarn bezogen, die ihrerseits die Einfuhren von ihren Nachbarn erhöhten. So floß plötzlich so viel Strom aus Rumänien durch die internationalen Hochspannungsleitungen nach Mitteleuropa, daß es an einer Umspannstation in Kroatien zu einer Schutzabschaltung kam und anschließend auch die übrigen Verbindungen im europäischen Verbundnetz zwischen Südost- und Mitteleuropa wegen Überlastung gekappt wurden. Dadurch herrschte in Südosteuropa auf einmal ein Überangebot, die Netzfrequenz beschleunigte sich auf 50,6 Hz, während sie in Mitteleuropa aufgrund des fehlenden Stromangebots bis auf 49,746 Hz absank.

Schon 2015 wurde in diesem E.I.R.-Sonderbericht die Absurdität der Klimapolitik und der Energiewende dargelegt.

Die deutsche „Energiewende“ in das Zeitalter von Sonne, Wind und Biomasse führt immer wieder zu Problemen in der Kalkulierbarkeit der Stromversorgung: Immer dann, wenn die Einspeisung durch Wind und Sonne nicht ausreicht, werden Reservekapazitäten im Öl-, Gas- und Kohlesektor angezapft, um die Lücke zu schließen; immer dann, wenn ein Überschuß durch Wind und Sonne entsteht, werden Kapazitäten in den drei fossilen Energiesektoren abgeschaltet. Und wenn die Lücke zu groß ist, um sie kurzfristig zu schließen, importiert Deutschland Strom aus den Nachbarländern. Ironischerweise handelt es sich dabei meist um Strom, der in Deutschland als „schmutzig“ gilt, weil er in den meisten Fällen aus Kohle (Polen, Tschechien) und Atomkraft (Frankreich, Tschechien) erzeugt wird.

Experten warnen, daß dieses System der Importe immer unsicherer wird, weil die Nachbarländer nicht in der Lage sein werden, Deutschland ausreichende Strommengen zu garantieren, wenn dessen Bedarf nach dem geplanten vollständigen Ausstieg aus der Kernenergie Ende 2022 massiv ansteigen wird. Bereits 2021 will Deutschland drei der verbliebenen sechs Kernreaktoren abschalten, allein damit gehen 6 % der nationalen Stromkapazität vom Netz. Und das wird nicht nur Deutschland Probleme bereiten; weil Deutschlands Industriewirtschaft die größte in Europa ist, wird es ganz Europa mit steigenden Ungleichgewichten im kontinentalen Verteilungssystem treffen.

Immer mehr Eingriffe zur Verhinderung von Stromausfällen

Abb. 1: Vergleich installierte Leistung (Nennleistung) in Windkraftanlagen in Deutschland mit der tatsächlichen Leistung (Einspeiseleistung). www.vernunftkraft.de

Der EIR-Sonderbericht vom September 2015, ‘Global Warming’ Scare Is Population Reduction, Not Science,1 zeigte auf, wie die enorme Zunahme unregelmäßiger Starts und Stopps „erneuerbarer“ Stromaggregate sowie der als Reserve dienenden Erdgas- und Kernkraftwerke Probleme für ein Stromnetz schaffen, das auf eine zuverlässige Versorgung angewiesen ist. Ein Diagramm der täglichen Stromerzeugung aus Windkraft (Abbildung 1) veranschaulichte die starken Schwankungen der „erneuerbaren“ Stromquellen. Dies bedroht zunehmend die Stabilität der Stromversorgung. In dem Bericht heißt es:

„Vor dem massiven Ausbau von Wind- und Solarenergie waren nur sehr wenige Eingriffe erforderlich, um das deutsche Energienetz zu stabilisieren: Waren im Jahr 2006 nur drei oder vier Eingriffe [durch die Netzbetreiber] erforderlich, so waren im Jahr 2012 fast 1.000 Eingriffe notwendig, um eine konstante und zuverlässige Energieversorgung rund um die Uhr aufrechtzuerhalten. Im Jahr 2014 waren über 3.500 solcher Eingriffe erforderlich, um die nationale Energieversorgung vor den Auswirkungen von Schwankungen aufgrund unzuverlässiger Einspeisungen zu retten.“

Inzwischen hat sich die Zahl der notwendigen Eingriffe weiter vermehrt (siehe Abbildung 2).

Abb. 2: Die Zahl der notwendigen Eingriffe zur Stabilisierung des Verbundnetzes wächst immer mehr – und damit die Wahrscheinlichkeit von Stromausfällen. Quelle: Mueller, F.F.: „Netzstörungen: Der unheilbare Erbdefekt der Energiewende“,
EIKE, 27.01.2016

Das System hat bisher größere Katastrophen in der Energieversorgung Europas verhindert, aber es ist nicht stabil. So ist Deutschland nicht mehr in der Lage, seinen nationalen Anteil in das System einzubringen: Die eigenen Stromexporte sanken 2020 um 11,6 %, gleichzeitig mußte Deutschland 38,8 % mehr von den europäischen Nachbarn importieren als 2019. Im Sommer 2020 konnte Frankreich nicht genug überschüssigen Strom an den Nachbarn Deutschland – den traditionell größten ausländischen Kunden der französischen Atomwirtschaft – exportieren, sondern es war selbst gezwungen, aus Spanien zu importieren, das wiederum aus Marokko importieren mußte. Dies zeigt, daß die Möglichkeiten der anderen europäischen Nationen, die deutsche Industrie am Laufen zu halten, durchaus begrenzt sind.

Visionen einer grünen Finanzblase

Es ist auffällig, daß radikale deutsche Anhänger der „Erneuerbaren“ vorschlagen, riesige Solarparks in Marokko zu bauen, um dort Strom für den Import nach Deutschland zu erzeugen. Solche Vorschläge lassen die Herzen der Fanatiker der „grünen Finanzen“ höher schlagen, angesichts der Aussicht auf Hunderte Milliarden Euro, die in das marokkanische Projekt investiert werden sollen, das jedoch noch schlimmere Katastrophen verursachen würde als die derzeitige deutsche Politik.

Schon diese derzeitige Politik ist ein Desaster: Zwar sind im Jahr 2020 die CO2-Emissionen in Deutschland um 15 % gesunken – aber das lag an der Stillegung großer Teile der Industrie wegen der Pandemie, und nicht daran, daß in diesem Jahr die Erneuerbaren erstmals mehr Strom erzeugten als die drei fossilen Energieträger Öl, Kohle und Gas zusammen – 183 TWh gegenüber 178 TWh. Wie bereits erwähnt, war 2020 auch das Jahr, in dem Deutschland so viel Strom importieren mußte wie nie zuvor.

Es besteht kein Zweifel daran, daß der Umbau zur „grünen“ Stromversorgung in Deutschland – die sog. „Energiewende“ – ein Mißerfolg ist. Es ist auch ein teures Scheitern, denn die Förderung dieser grünen Energiequellen, die 2019 bereits bei 27,5 Mrd. Euro lag, ist im vergangenen Jahr auf 30,9 Mrd. Euro gestiegen. Die Förderung erfolgt über das EEG (Erneuerbare- Energien-Gesetz), das den Erzeugern von Solar- und Windstrom nicht nur die Produktionskosten erstattet, sondern auch die Verluste, wenn sich nicht genügend Abnehmer finden.

Obwohl die Erzeugung aus Sonne, Wind und Biomasse in Deutschland 2020 um 4 % höher war als 2019, waren die Einnahmen aus erneuerbaren Energien 2020 um 6,4 Mrd. € niedriger als 2019. Der pandemiebedingte Stillstand der Industrie hatte einen Rückgang der Stromnachfrage zur Folge, und da Strom nicht speicherbar ist, muß er bei einem Überschuß an erneuerbaren Energien entweder in Nachbarländer exportiert werden, oder wenn diese keinen Gebrach dafür haben, müssen die Generatoren abgeschaltet oder andere Netzeingriffe vorgenommen werden, wofür die deutschen Anbieter zahlen müssen. Im Jahr 2020 betrugen diese Kosten 579 Mio. Euro.

Ausbaupläne für die Kernenergie

Andere Länder Europas mit eigenen nationalen Interessen können die Absurditäten der deutschen Energiepolitik, die durch den „Green Deal“ der EU-Kommission verschärft werden, nicht länger tolerieren. Viele Nachbarländer Deutschlands setzen auf einen Ausbau der Kernenergie; sechs von ihnen haben sogar die Europäische Kommission gezwungen, in ihrem Ende 2020 verabschiedeten Energieplan die Kernkraft als emissionsarme Energiequelle anzuerkennen. Polen will bis 2040 bis zu elf Atomreaktoren bauen. Die niederländische Regierungspartei VVD fordert in ihrem Programm für die vorgezogenen Parlamentswahlen in diesem Frühjahr den Bau von zehn Reaktoren in den nächsten zwei Jahrzehnten. Tschechien, die Slowakei, Rumänien, Ungarn, Bulgarien und Finnland haben sich auf den Bau neuer Reaktoren festgelegt.

Auch Frankreich, das 2015 Gastgeber des globalen Pariser Klimaabkommens war und leider die Stromerzeugung aus Atomreaktoren von heute 75 % der nationalen Produktion bis 2040 auf 50 % reduzieren will, hält grundsätzlich an der Atomkraft fest. Präsident Emmanuel Macron, der dieses Reduktionsziel von der Vorgängerregierung geerbt hat, bekräftigte in einer Rede am 12. Dezember 2020, die Kernkraft sei für Frankreich unverzichtbar und habe dort eine große Zukunft.

110 polnische Wissenschaftler und Energieaktivisten veröffentlichten einen Offenen Brief, in dem sie die deutsche Bundesregierung auffordern, ihr „Atomausstiegsziel“ fallen zu lassen und die verbleibenden sechs Reaktoren vorerst über Ende 2022 hinaus laufen zu lassen.

Noch ist für Deutschland Zeit, wenn auch nicht mehr viel, den Marsch in den Sumpf der „grünen Energie“ umzukehren und die Stromversorgung für Industrie und Bevölkerung zu sichern. Dazu ist es notwendig, nicht nur die verbliebenen Kernspaltungsreaktoren weiter zu betreiben, sondern auch neue zu bauen sowie in die Ära der Kernfusion einzusteigen. Die zur LaRouche-Bewegung gehörige Partei Bürgerrechtsbewegung Solidarität (BüSo) wird sich für dieses Programm im Bundestagswahlkampf 2021 einsetzen, um eine nationale Debatte über den Wiedereinstieg in die Atomkraft in Deutschland zu entfachen.

  1. Siehe https://store.larouchepub.com/product-p/eirsp-2015-1-0-0.htm; eine deutsche Ausgabe der Studie erschien unter dem Titel „Klimaschwindel ist Bevölkerungsreduktion – nicht Wissenschaft“, siehe https://shop.eir.de/produkt/klimaschwindel-ist- bevoelkerungsreduktion/[]