Der „Regimewechsel“ der Zentralbanker und der „Great Reset“

In seinem Bericht an den Kongress über das Manufakturwesen aus dem Jahr 1790 widerlegte US-Finanzminister Hamilton Adam Smiths Doktrin, der Handel sei die Quelle des Reichtums. Alexander Hamilton betonte: Wenn der Staat menschliche Erfindungen schützt und fördert, ist dies die wesentliche Quelle des Fortschritts und des Wohlstands, und nicht der Handel.

Das britische imperiale oder „Freihandels“-System basiert auf der mit Adam Smith und anderen verbundenen Idee, persönlicher Wohlstand komme vorwiegend aus dem Handel und nationaler Wohlstand entspringe entsprechend dem internationalen Handel. Die Fähigkeit, etwas zu kaufen und dann mit größerem finanziellen Vorteil zu verkaufen, ist aber nur ein Teil dieser Vorstellung. Untrennbar davon war und ist immer der gesteigerte Gewinn aus der Spekulation auf den Handel: Spekulation auf Wahrungen, auf Kreditzinsen, auf zukünftige Preise, auf Erfolg oder Mißerfolg im Handel.

Menschliche Kreativität steht bei dieser Vorstellung nicht im Mittelpunkt. Ihre Wirkung wird aber am besten durch die Entwicklung und Einführung neuer Infrastruktur-Plattformen in die Wirtschaft demonstriert. Hier werden die meisten wahren technischen Fortschritte zuerst angewandt und treten in Form neuartiger Investitionsgüter auf. Lyndon LaRouche hat dies häufig erklärt, und die Regierung von Franklin Roosevelt und die darauffolgende Zeit bis zur Regierung von John F. Kennedy haben es in der Praxis gezeigt.

Ein Paradebeispiel hierfür ist der rasante Fortschritt von Wissenschaft und Technik bei den Missionen zur Erforschung des Weltraums – was die Entwicklung neuer Infrastrukturen bedeutet: Transportinfrastrukturen für die Raumfahrt, Kommunikationsinfrastrukturen im Weltraum, Navigationsinfrastrukturen im und aus dem Weltraum, Energieinfrastrukturen für die Erforschung und Kolonisierung des Weltraums usw.

Es ist daher wichtig zu verstehen, dass es 1971 eine fundamentale Veränderung in der Weltwirtschaft gab. Bis 1971 schuf Roosevelts Bretton-Woods-Währungssystem in den Volkswirtschaften der Vereinigten Staaten und Europas eine beständige Nachfrage nach mehr Investitionen in Investitionsgüter und neue Infrastruktur, qualifizierte Arbeitskräfte und landwirtschaftliche Familienbetriebe; es verhinderte, dass internationales Kapital grenzüberschreitend spekulierte. Nach der fatalen Entscheidung Nixons 1971, den US-Dollar aus der Bretton-Woods-Goldreserve herauszulösen, förderte das System der freien Wechselkurse, das an seine Stelle trat, vor allem die Spekulation und trieb Investitionen in die Spekulation.

Nach der Abschaffung von Roosevelts Goldreserve-, Kredit- und Währungssystem von Bretton Woods begann, angefangen mit der „großen Inflation“ der 1970er Jahre, ein Niedergang in sämtlichen Aspekten der produktiven Wirtschaft Amerikas – den Reallöhnen, der Arbeitsproduktivität, den Investitionen in die Infrastruktur, dem Anteil von Industrie und produzierendem Gewerbe an der Beschäftigung und vielem anderen –, der bis zum heutigen Tage nicht nachgelassen hat.

Seit den 80er Jahren wurde die stagnierende Wirtschaft, die immer mehr Arbeitsplätze in der Industrie und im produzierenden Gewerbe verlor, von der Deregulierung des Bank- und Finanzwesens nach dem Vorbild der britischen „Big Bang“-Deregulierung von 1986 getroffen. Die Bankvorschriften des Glass-Steagall-Gesetzes von 1933, die die Geschäftsbanken 60 Jahre lang auf dem ehrlichen Pfad der Tugend gehalten hatten, wurden eine nach der anderen von der Federal Reserve aufgehoben, bis das Glass-Steagall-Gesetz selbst 1999 außer Kraft gesetzt wurde. Seit Mitte der 80er Jahre lebte Amerika mit Finanzblasen, die jedesmal platzten, worauf dann jeweils noch größere Finanzblasen und noch größere Zusammenbrüche folgten, bis das Platzen der Blase der hypothekenbesicherten Wertpapiere 2007–08 den globalen Finanzkrach auslöste.

Seit 2008 hat das ständige Gelddrucken der Federal Reserve, um die Wall Street über Wasser zu halten, die größte Schuldenblase der gesamten Wirtschaftsgeschichte entstehen lassen, die oft als die „Alles-Blase“ bezeichnet wird, da auf allen Aspekte des Wirtschaftslebens inzwischen ein enormer Berg an Schuldenpapieren und Derivaten aufgetürmt ist. Und das hat nun die Weltwirtschaft an den Rand einer Hyperinflation getrieben.

Die Weimarer Inflation

Der hyperinflationäre Druck, den wir jetzt erleben, wurde nicht durch die sogenannte „Pandemie-Erholung“ ausgelöst, sondern durch Entscheidungen und Maßnahmen der großen Zentralbanken, die sie im Herbst 2019 – noch vor der COVID-Pandemie – im Rahmen des sog. „Regimewechsels“, wie sie es nennen, getroffen haben.

Tabelle 1 zeigt die berüchtigte Inflation in Deutschland 1922–23, bekannt als die „Weimarer Hyperinflation“. Das ist die Reichsmark im Verhältnis zum US-Dollar: von ein paar hundert zu eins auf fünf oder sechs Billionen zu eins in diesem 18-monatigen Zeitraum. Das Vermögen der Haushalte, das Einkommen der arbeitenden Bevölkerung wurde ausgelöscht.

Die deutsche Zentralbank tat dies absichtlich, indem sie Geld druckte, um zu versuchen, durch Hyperinflation die deutschen Kriegsschulden und Reparationszahlungen zu beseitigen.

Ganz am Ende des Jahres 1923 übernahm ein Mann namens Hjalmar Schacht die Zentralbank, die Reichsbank. Schacht nutzte einen großen internationalen Kredit, der vom Haus Morgan organisiert wurde, um den Druck der Auslandszahlungen zu beseitigen. Mit Hilfe der Einführung einer neuen Währung, die Schacht extrem knapp hielt, beendete er schlagartig die Inflation. Man sieht: nur etwa 4 neue Mark, genannt Rentenmark, für einen US-Dollar; so blieb es die nächsten zehn Jahre.

Schacht und die Regierung nutzten die extreme Devisenknappheit, um eine brutale wirtschaftliche Austerität durchzusetzen und alle Vorschläge zu vereiteln, der Wirtschaft irgendwelche produktiven Kredite zuzuführen. Es genügt zu sagen, dass die Arbeitslosenquote in Deutschland vor dem Crash 1929 bei 12 Prozent lag.

Hyperinflation ist also in der Tat „vorübergehend“, wie unsere heutigen Zentralbanker behaupten – sie könnten sie abrupt mit ihrem Gegenteil, der Deflation, beenden, mit mörderischen Folgen.

In den Vereinigten Staaten und im größten Teil Europas wurde die Regulierung der Geschäftsbanken aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg aufgehoben.

Tabelle 1: Weimarer Inflation

Datum US-Dollarkurs in Mark
1. Juli 1914 4,20
31. Januar 1920 42
31. Januar 1921 60,43
3. Oktober 1921 127,37
31. Januar 1922 199,40
21. Oktober 1922 4439
31. Januar 1923 49.000
26. Juni 1923 760.000
8. August 1923 4.860.000
7. September 1923 53.000.000
3. Oktober 1923 440.000.000
11. Oktober 1923 5.060.000.000
22. Oktober 1923 32.150.000.000
3. November 1923 418.950.000.000
9. November 1923 628.500.000.000
15. November 1923 4,20 RM = 4.200.000.000.000
Quelle: Hermann Bente: „Die deutsche Währungspolitik von 1914–24“. In: Weltwirtschaftliches Archiv. Band 25, 1926, Nr. 1, S. 134.

Große Geschäftsbanken durften Investmentbanken übernehmen und Aktienspekulations-Trusts bilden, und Bank-Holdinggesellschaften durften Investmentbanken besitzen, ebenso das, was wir heute „Schattenbanken“ aller Art nennen. Sie wurden zu sogenannten „Universalbanken“.

Die Federal Reserve gab diesen „Universalbanken“ Liquiditätsspritzen und kaufte ihnen 1923–24 und 1927 sogar Wertpapiere ab – „quantitative Erleichterung“ gab es also schon damals.

Die Lösung beginnt mit Glass-Steagall

Franklin Roosevelts Glass-Steagall-Gesetz von 1933 war die Lösung für diese vier Jahre von Bank-Zusammenbrüchen. In den Vereinigten Staaten wurden mit Roosevelts Bankfeiertag vom März 1933 die Geschäftsbanken reorganisiert, wobei ihre spekulativen Wertpapiere aussortiert und abgeschrieben wurden. Diese Reorganisation wurde drei Monate später durch den Glass-Steagall Act „dauerhaft“ gemacht.

2010, nach dem Finanzkrach, den er zu verhindern versucht hatte, indem er im Kongreß für die Wiedereinführung des Glass-Steagall-Gesetzes warb, sagte Lyndon LaRouche:

„Wenn wir eine Glass-Steagall-Reform durchsetzen, dann wird das Billionen US-Dollar an wertlosem Papier auslöschen. Aber das Auslöschen von Billionen von Dollar an wertlosem Papier und die Beendigung der Befugnisse bestimmter Arten von Banken, der spekulativen Banken, würde bedeuten, dass wir in der Lage sein werden, die US-Wirtschaft zu retten, zumindest innerhalb der Vereinigten Staaten…

Wir müssen dann ein neues Kreditsystem schaffen, und wenn wir ein neues Kreditsystem schaffen, müssen wir zu einem System mit festen Wechselkursen zwischen den Nationen übergehen, die an der Reform teilnehmen. Indem wir zu einem System fester Wechselkurse übergehen, können wir die grundlegenden Kreditkosten für reguläre Kredite beibehalten, die bei 1,5 Prozent oder so ähnlich als Basiszinssatz liegen.

Wir können und müssen dann eine Perspektive von etwa zwei Generationen, etwa 50 Jahren, des Wiederaufbaus der Weltwirtschaft einnehmen. Weil wir so viel Industrie und so viel Landwirtschaft zerstört haben, wird der Schwerpunkt am Anfang auf Infrastrukturprogrammen liegen – wie Massenverkehrsmittel, zum Beispiel Eisenbahnen, Magnetschwebebahnsysteme; Verbesserungen der Wassersysteme und ebenso der Massen-Wassertransportsysteme; eine viel größere Betonung der Kernenergie als Energiequelle; Verbesserungen der kommunalen Infrastruktur und so weiter. Die Verbesserung im Bereich der grundlegenden wirtschaftlichen Infrastruktur wird eine Nachfrage nach Produktion aus der Industrie schaffen.“

Die „Universalbanken“, die den Crash von 1929–33 verursacht hatten und durch Glass-Steagall ein halbes Jahrhundert lang in den Vereinigten Staaten und einem Großteil Europas verboten waren, kamen ab den späten 1980er Jahren mit Volldampf zurück. Nach Londons „Big Bang“-Bankenderegulierung 1986 erlaubten die Regulatoren das Universalbanking überall. Heute ist es nur noch in China verboten.

Seit dem Aktiencrash und der Sparkassenabwicklung 1987 blähten sich Schuldenblasen auf und platzten dann alle paar Jahre.

Sogar nach dem Finanzcrash von 2007–08 wurde die Lösung abgelehnt: nämlich LaRouches Glass-Steagall-Lösung, die Zerschlagung der Universalbank-Holdinggesellschaften und die Abschreibung ihrer wertlosen Wertpapiere – dazu ein Verbot von Zwangsversteigerungen von Häusern und Wohnungen, solange dies ablief. Stattdessen begannen die Zentralbanken mit einem koordinierten massiven Gelddrucken, um diese Universalbanken liquide zu halten, auch wenn sie ihre Finanzwetten verloren, und ihnen angeblich genug Reserven zu geben, um den nächsten Crash zu überleben.
Tabelle 2 zeigt die nominellen Vermögenswerte der vier größten Wall-Street-Universalbanken zusammengenommen – eine große Expansion während und nach dem Crash von 2008, den sie verursacht haben, dann ein langsameres, aber anhaltendes Wachstum zu monströser Größe, als sie mit der „quantitativen Lockerung“ des Gelddruckens der Federal Reserve aufgepäppelt wurden.

Aber das alles ist nur das Vorspiel zu dem, was im Herbst 2019 begann, was die Zentralbanker selbst als „Regimewechsel“ bezeichnen und was jetzt kurz vor dem Ausbruch steht.

Gelddrucken erzeugt „untote“ Banken

Im August 2019 trafen sich die führenden Zentralbanker auf der jährlichen Konferenz der Federal Reserve in Jackson Hole, Wyoming, und diskutierten über einen Vorschlag ehemaliger Zentralbankchefs aus vier Ländern, die jetzt alle Führungskräfte bei BlackRock, Inc. sind, dem größten Finanzunternehmen der Welt. Sie nannten es „Regimewechsel“: Es sei an der Zeit, dass die Zentralbanken den Regierungen die Kontrolle über die Ausgabenbefugnisse abnehmen. Auf der Konferenz diskutierte man auch über einen Vortrag des Chefs der Bank von England, Mark Carney – dem „Mister Null-CO2-Emission“ der Zentralbanker –, der sagte, die Zentralbanken müßten eine synthetische Weltreservewährung schaffen, die den US-Dollar ersetzt.

Der Grund für beide Vorschläge ist: Die Zentralbanken müssen es endlich schaffen, ihre zehnjährige „Mission impossible“ nach dem Crash von 2008 zu erfüllen, nämlich eine Inflation auszulösen. Sie müssen riesige Mengen an Konsumnachfrage schaffen, indem sie Geld drucken und es quasi mit dem Helikopter herabregnen lassen.

Aber die von ihnen gedruckten Geldmengen waren dazu verdammt, größtenteils in neuen Finanzspekulationen der größten Firmen der Wall Street und Londons zu versickern. Doch der Regimewechsel ging weiter, beginnend mit der Wiederaufnahme der quantitativen Lockerung durch die Federal Reserve Anfang Oktober 2019, gefolgt von der EZB. Der Vorwand war die US-Interbanken-Kreditkrise („Repo-Krise“) vom September 2019 – eine Pandemie war noch nicht in Sicht.

Tabelle 2: Vermögenswerte der vier größten Wall-Street-Banken (in Billionen US-Dollar)

2007 4,05
2010 7,45
2015 8,2
2017 8,4

Tabelle 3: Vermögenswerte, Einlagen und Kreditvergabe von JP Morgan Chase (in Billionen US-Dollar)

Quartal 1/2018 4/2018 1/2019 4/2019 1/2020
Vermögenswerte 2,6 2,6 2,7 2,65 3,15
Einlagen 1,5 1,5 1,5 1,55 1,8
Kredite 0,9 0,95 0,9 0,95 0,96
Quelle: JPMorgan Chase

In Abbildung 1 sehen Sie das Ausmaß dieser Beschleunigung des transatlantischen Liquiditäts-und Reservedruckens der Zentralbanken über die Universalbanken ab Ende 2019.

Abb. 1: Die Zentralbanken haben ihre Gelddruckpolitik dramatisch ausgeweitet. (EIR)

Schauen Sie sich die Auswirkungen auf die größten Banken an. Tabelle 3 zeigt dies für JPMorgan Chase, die größte Wall-Street-Bank. Schauen Sie sich die Zunahme ihrer Größe an, nur vom vierten Quartal 2019 bis zum ersten Quartal 2020: eine Zunahme der Einlagen um ca. 250 Milliarden US-Dollar und eine Zunahme der Vermögenswerte um ca. 450 Milliarden US-Dollar. Und dies hat sich fortgesetzt: Die Aktiva von JPMorgan sind nun in einem Jahr um 30 Prozent in die Höhe geschossen.

Aber schauen Sie sich die Kredite und Leasinggeschäfte an – keine Veränderung! Genau wie in den 1920er Jahren: Megabanken, die monströs an Einlagen und Vermögenswerten zunehmen, aber keine Kredite vergeben. Die Zentralbanken haben riesige untote Universalbanken geschaffen, die im Grunde genommen nicht scheitern können – weil die Zentralbanken ihr Scheitern nicht erlauben, egal wieviel von ihren Vermögenswerten sich in nichts auflöst –, die aber auch keine Kredite vergeben können.

Das muß gestoppt und rückgängig gemacht werden. Und die Glass-Steagall-Reform, wie sie Roosevelt und LaRouche verstanden haben, ist die Waffe, um es zu stoppen.

Abbildung 2 zeigt die Aktiva der Federal Reserve selbst; sie ist schließlich auch eine Bank, die aber ihre eigenen neuen Aktiva schafft – gegen einen sehr dünnen Kapitalanteil –, indem sie Geld druckt. Diese Graphik ist zwar neu, hinkt aber trotzdem hinterher; Stand Anfang Juni 2021 beläuft sich die Bilanz der Fed auf über 8 Billionen US-Dollar. Sie ist also zehnmal so groß wie 2008. Sehen Sie sich noch einmal die plötzliche Verschiebung und Beschleunigung Ende 2019 an: der Beginn des „Regimewechsels“.

Abb. 2: Vermögenswerte der Federal Reserve (Federal Reserve)

Auch das muß gestoppt und rückgängig gemacht werden. Die Verstaatlichung der Zentralbanken, um nationale Kreditinstitute für Produktivität und produktive Beschäftigung zu schaffen, das ist der Weg dahin.