Sogar in Glasgow melden sich Stimmen für die Kernkraft

Unter den zahlreichen Podiumsdiskussionen auf der COP26 bot zumindest eine den Rednern eine Plattform, um eine Alternative zur apokalyptischen Perspektive der selbsternannten „Klimaschützer“ zu präsentieren: Die Sitzung über „Die Rolle der Kernenergie in einer Netto-Null-Zukunft“ leitete die Präsidentin der World Nuclear Association, Sama Bilbao y León. Sie wies darauf hin, dass von den 39 Reaktoren, die in den letzten fünf Jahren weltweit den Betrieb aufnahmen, 30 in Schwellenländern stehen, und dass große Kernenergieprojekte „die wirtschaftliche Entwicklung in vielen Ländern beschleunigen konnten“.

Für den Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde, Rafael Mariano Grossi, ist die Kernenergie „überall“ und wird weiter wachsen. Mehrere Länder, unter anderem die Türkei und Ägypten, bauen ihre ersten Kernreaktoren, andere wie Brasilien, Argentinien, Mexiko und mehrere osteuropäische Länder planen zusätzliche Anlagen. Wieder andere, unter anderem Ghana, Kenia und Usbekistan, erwägen die Aufnahme der Kernenergie in ihren Energiemix.

Ghanas Botschafter in Österreich, Philbert Johnson, erklärte, sein Land unternehme konkrete Schritte zur Einführung der Kernenergie im Einklang mit seinen nationalen Entwicklungszielen. „Die Kernenergie wird zuverlässige, saubere Energie zu wettbewerbsfähigen Preisen garantieren.“

Parallel zur COP26-Konferenz kündigte China Pläne zum Bau von 150 neuen Kernreaktoren an, und das Thema stand auf der Tagesordnung vieler bilateraler Treffen am Rande der Konferenz. Das US-Außenministerium gab bekannt, dass es mit mehreren Ländern, unter anderem Polen, Rumänien und Kenia, beim Ausbau der Kernenergie zusammenarbeitet, und Russlands Rosatom plant, Kernkraftwerke in mehrere Länder zu exportieren. Auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron kündigte den Bau einer neuen Generation von Kernkraftwerken an. In einer Fernsehansprache am 9. November sagte Macron: „Um Frankreichs Energieunabhängigkeit zu gewährleisten, die Stromversorgung unseres Landes zu sichern und unser Ziel der Kohlenstoffneutralität im Jahr 2050 zu erreichen, werden wir zum ersten Mal seit Jahrzehn ten die Errichtung von Kernreaktoren in unserem Land wiederaufnehmen.“

Auch in Deutschland nimmt die Debatte über den notwendigen „Ausstieg aus dem Ausstieg“ Fahrt auf. Das Meinungsforschungsinstitut CIVEY führte vom 9. September bis 25. Oktober eine Umfrage dazu durch, ob die Kernenergie genutzt werden sollte, um die Klimaschutzziele der EU zu erreichen. In allen Altersgruppen lagen die Ja-Antworten bei 50 Prozent oder darüber, die Nein-Antworten unter 40 Prozent. Noch interessanter ist, dass der höchste Prozentsatz an Befürwortern bei den 18–29jährigen war, nämlich 57,7 Prozent gegenüber 34,6 Prozent (7,7 Prozent unentschieden). Selbst in der negativsten Altersgruppe, 40–49 Jahre, sind nur 39,5 Prozent gegen die Kernenergie, 50,0 Prozent dafür.

Die Monatszeitschrift Cicero zitiert den früheren Chef des Chemieriesen BASF, Jürgen Hambrecht, der warnt, allein um die deutsche Chemieindustrie emissionsneutral zu machen, würde man die gesamte derzeit im Lande erzeugte Elektrizität benötigen! Mit anderen Worten, keine der Strategien für erneuerbare Energien wird funktionieren, Deutschland müßte mit ständig drohenden Stromausfällen leben.

Berlins verantwortungslose „grüne Agenda“ ist auch ein Weckruf für das Nicht-EU-Mitglied Schweiz. Die Neue Zürcher Zeitung vom 23. Oktober forderte die Schweizer auf, nüchterne Schlüsse zu ziehen. Da die Bevölkerung die von der Regierung geplante CO2-Steuer mehrheitlich ablehnte und ein neuer Vertrag mit der EU wegen seiner grünen Vorschriften abgelehnt wurde, müßten die Schweizer auf eigenen Füßen stehen. Das bedeute, den Bau neuer Atomkraftwerke in Erwägung zu ziehen, weil Wind und Sonne nicht ausreichen.

Demonstrationsanlage des neuen chinesischen Hochtemperaturreaktors in Shidaowan: China will in den kommenden Jahren 150 neue Kernreaktoren bauen. (CNNC)

Nimmt die EU Kernkraft in die Taxonomie auf?

Der verstärkte Druck für Kernenergie hat offenbar auch Auswirkungen auf Brüssel, das Anfang November vor läufig ankündigte, die Kernenergie in die offizielle Liste (Taxonomie) für die europäische Kofinanzierung „umweltfreundlicher Energiequellen“ aufzunehmen. Sollte sich dies bestätigen, so wäre dies ein erhebliches Zugeständnis an Frankreich, das zusammen mit Polen eine Gruppe von zehn EU-Staaten anführt, die ausdrücklich für den Ausbau der Kernenergie eintreten.

Die deutsche Regierung steht an der Spitze einer Gruppe von acht EU-Staaten, die sich hartnäckig gegen einen solchen Kompromiss gewehrt haben, und es wird gemunkelt, dass die scheidende Kanzlerin Merkel schließlich in der Frage nachgegeben hat, um im Gegenzug die Aufnahme von Erdgas in die Taxonomie zu erwirken und damit die neue deutsche Regierung vor vollendete Tatsachen zu stellen. Die amtierende Umweltministerin Svenja Schulze erklärte jedenfalls am 5. November kategorisch: „Es wird keine Renaissance der Atomenergie in Deutschland geben.“

Trotzdem sorgt die Debatte für Panik im Lager der „Umweltschützer“. Zahlreiche Organisationen, Medien und Wortführer des grünen Lagers, darunter Greenpeace und der grüne Europaabgeordnete Sven Gigold, warfen der Kommission vor, ein „Greenwashing“ der Kernkraft zu betreiben. Dem kommenden neuen Bundeskanzler Olaf Scholz werde „der Boden unter den Füßen weggezogen“, wenn er einerseits in Deutschland den Ausstieg aus der Kernkraft vollziehe, andererseits aber eine Kernkraftfreundliche Politik der EU mittragen müsse.

Die Steigerung der Energieflußdichte ist wesentlich für die Anhebung des technologischen Niveaus jeder Gesellschaft (FUSION)

Unterdessen verfolgt Polen weiter eine Energiestrategie für 2040, in der die Kernenergie eine wichtige Rolle einnimmt. Auf der COP26 betonte der Staatssekretär für Klimafragen, Adam Guibourgé-Czetwertynski, die Erreichung der Klimaziele dürfe den fairen Zugang zu erschwinglicher Energie für Haushalte und Industrie nicht gefährden. „Kohlenstoffintensive Industrien lassen sich in erheblichem Maße dekarbonisieren, aber dazu ist der Zugang zu preiswertem Strom erforderlich. Kernkraftwerke können diesen Übergang erleichtern, wenn sie nach einer Kosten-Nutzen-Formel gebaut und betrieben werden.“

Die COP26-Konferenz erhielt auch einen Offenen Brief von Gewerkschaftsführern aus ganz Europa, worin es heißt: „Zu oft haben Klimaaktivismus und -diskussionen die Kernenergie und die Stimme der Menschen, die auf sie angewiesen sind, ignoriert und unterdrückt. Die Menschen rufen nach praktischen Lösungen für die Klimakrise, die echte Hoffnung auf eine grüne Wirtschaft bieten.“ Unterzeichnet wurde der Brief unter anderem von Gary Smith, Generalsekretär der britischen Gewerkschaft GMB, Helene Lopez, Generalsekretärin von CFE-CGC Energies aus Frankreich, sowie ihren Kollegen aus Belgien, Rumänien, der Slowakei, Tschechien und Ungarn.

Energieflussdichte: Warum Kernenergie unverzichtbar ist

Das häufigste Argument für den Ausbau der Kernenergie ist, dass die Kernenergie praktisch keine Emissionen verursacht und somit das Kriterium der „sauberen Energie“ erfüllt. Das ist schön und gut, beschränkt aber die Debatte auf die von der Oligarchie festgelegten falschen Vorgaben, und es ist nicht der Hauptvorteil der Kernenergie.

Wie Lyndon LaRouche in seiner Wissenschaft der physischen Ökonomie in einzigartiger Weise herausgearbeitet hat, liegt der über Jahrhunderte bewiesene Schlüsselfaktor für die wirtschaftliche Entwicklung in der Erhöhung der „Energieflussdichte“ des gesamten Produktionsprozesses (etwa von der Holzverbrennung über Kohle und andere fossile Brennstoffe bis hin zur Kernspaltung, gefolgt von der Kernfusion). LaRouche definierte auch den Zusammenhang zwischen der Energieflussdichte und der relativen potentiellen Bevölkerungsdichte einer Gesellschaft. Wenn sich dieser Aufwärtsprozess umkehrt, so wie jetzt mit dem Vorstoß für erneuerbare Energien mit geringer Dichte, ist das Ergebnis eine massive Bevölkerungsreduktion. Und in der Tat ist Entvölkerung das Ziel der malthusianischen Ideologen hinter den „grünen Finanzen“.