Stakeholder-Kapitalismus: Was ist das?

Es wäre übertrieben, dem jüngsten Buch von Klaus Schwab mit dem Titel Stakeholder Capitalism, das im November auf deutsch erschienen ist, eine ganze Buchbesprechung zu widmen. Da er aber als Sprecher der Finanzlobby des Davoser Forums deren Meinung verbreitet, lohnt es sich, einen prüfenden Blick auf einige Kapitel zu werfen.1

Immerhin gibt er in dem Buch zu, dass der Neoliberalismus gescheitert ist. Das Anschlußmodell soll jetzt unter der Bezeichnung „Stakeholder-Kapitalismus“ an dessen Stelle treten. Das Davos-Forum der Superreichen nennt das gleiche Modell nach Belieben auch Große Transformation, Green Deal oder Great Reset.

Bevor wir hier aber konkreter auf die trickreich verpackten Pläne für diese angeblich beste aller Finanzwelten eingehen, sei dem Leser die Charakteristik dieser Politik verständlich gemacht, wie sie uns in Kapitel 7 mit der Überschrift „Die Menschen und der Planet“ vorgeführt wird.

Darin lamentiert Klaus Schwab, dass sich der Club of Rome mit seiner These, die Grenzen des Wachstums wären schon vor 50 Jahren erreicht worden, weltweit nicht habe durchsetzen können. Ganz im Gegenteil hätten nicht nur China, sondern auch viele andere Länder Asiens den Pfad der Industrialisierung erfolgreich beschritten und seien ein Vorbild für viele andere Schwellenländer geworden. Das bedrohe den Planeten, sagt er. „Zwischen 1990 und 2020 vollzog sich in China das größte wirtschaftliche Wunder der Geschichte, aber dafür ist China jetzt der größte Verursacher von Treibhausgasen.“ (S. 153)

Zu allem Übel für die Klimaprobleme unseres Planeten komme nun noch die Aussicht, dass auch afrikanische Länder wie Äthiopien erfolgreich die Überwindung extremer Armut anstrebten.

Schwab fragt: Was ist der Grund für diese hartnäckige Ablehnung der Thesen des Club of Rome?

Die Antwort lautet: die Natur des Menschen.

„Das zeigt uns das zentrale unauflösbare Problem. Die Fähigkeit, die den Menschen dazu verhilft, die Armut zu überwinden und ein besseres Leben zu führen, ist gleichzeitig dafür verantwortlich, dass der Planet für zukünftige Generationen zerstört wird. Die Ursachen für den Klimawandel sind nicht nur das Resultat einer selbstsüchtigen Generation von Industriellen und Babyboomers im Westen. Sie sind die Konsequenz des menschlichen Strebens nach einer besseren Zukunft.“ (S. 154)

Deutlicher und schamloser kann man diese längst widerlegte These des legendären Pfarrer Malthus2 nicht ausdrücken, und er wiederholt das mehrere Male. Genau das, was den Menschen vom Tier unterscheidet, nämlich die Fähigkeit und der unbändige Wille zur Verbesserung seiner Lebensbedingungen durch technischen Fortschritt, ist den Oligarchen seit jeher ein Dorn im Auge.

Dann schildert Schwab auf vier Seiten ziemlich wahrheitsgemäß den wirtschaftlichen Fortschritt Äthiopiens, den Bau von Straßen, einer wichtigen Eisenbahnlinie, selbst eines Flughafens und die Entstehung eines Industrieparks. Über die Stadt Awasa sagt er:

„Die Arbeit dort ist weder einfach noch ist sie besonders erfüllend, aber es ist eine große Veränderung gegenüber dem, was die Menschen vorher kannten. Es bringt ein wesentlich stabileres Einkommen, Arbeitsplätze in der Real- statt in der Schattenwirtschaft und eine bescheidene, aber realistische Möglichkeit für persönliche Entwicklung. Es ist ein Industrialisierungsprozess im Gange… Es ist immer noch das erfolgreichste Entwicklungsmodell, das die Welt kennt.“ (S. 156)

Und diese Entwicklung, die im Vergleich zu den Industrieländern eine sehr bescheidene Verbesserung des Lebensstandards der Bevölkerung geschaffen habe, sei sogar unter Anwendung einer ökologisch orientierten Strategie zustande gekommen. „Wasserkraft, Biokraftstoff, Wind- und Sonnenenergie haben sich seit 1990 verdoppelt und liefern 90 Prozent der Energieversorgung.“ Dennoch habe sich der Verbrauch fossiler Rohstoffe vervierfacht und entsprechend auch die Emissionen. „Das zeigt, dass es selbst heute kein Patentrezept für arme Länder gibt, eine Industrialisierung mit dem ökologischen Fußabdruck zu vereinbaren. Entwicklung und ein höherer Lebensstandard gehen mit wachsenden CO2-Emissionen Hand in Hand einher.“ (S. 157, Hervorhebung im Original.)

Deshalb: Jede weitere erfolgreiche Armutsbekämpfung (selbst unter Verwendung sogenannter erneuerbarer Technik) habe im Interesse des Planeten zu unterbleiben.

Stakeholder Kapitalismus dient keinem anderen Zweck, als genau das sicherzustellen.

Was ist entmaterialisiertes Wachstum?

Nachdem Sie nun verstanden haben, worum es eigentlich geht, läßt sich der Rest einfacher erfassen. Das Zauberwort, an dessen Ausformung die Finanzlobby nun schon 20 Jahre arbeitet, heißt „Entmaterialisiertes Wachstum“. Das Konzept ist simpel: Es bedeutet, dass man nicht mehr in Brücken und Straßen, in Kraftwerke oder Landwirtschaft investiert, sondern in Finanzgebilde, die nicht wertschöpfend sind. Das gegenwärtig bekannteste Beispiel ist der CO2-Emissionshandel. Die Wirtschaftstätigkeit vieler Unternehmen wird damit eingedämmt und bestraft, während andere sich daran bereichern können.

Klaus Schwab, Gründer des Weltwirtschaftsforums und malthusianischer Propagandist. (WEF – swiss image/cc-by-sa 2.0)

Dass Vertreter von Wirtschaftsverbänden diesen Unsinn befürworten, ist eine Folge neoliberalen Denkens, und es unterscheidet sich nicht von jahrzehntelangen Spekulationen, die auf Kosten der Gesellschaft gingen und zum Beispiel riesige Löcher in unsere gesamte Infrastruktur gerissen haben. Kann man sich beim CO2-Emissionshandel noch entfernt vorstellen, dass das ganze Geschäftsmodell an 0,04 Prozent der Luft hängt, wird die Vorstellung darüber, was eigentlich das neue Etikett ESG (Environment, Social, Government) sein soll, äußerst schwierig – denn darunter fällt alles, was die Finanzmafia als den Planeten schädigendes, unethisches und nicht regelkonformes Verhalten definiert. Das neue Saubermann-Etikett des Stakeholder-Kapitalismus soll dafür sorgen, dass eine generelle Verschiebung der Wirtschaftstätigkeit gesetzlich verankert wird. Es soll nicht mehr investiert werden dürfen in das, was die Gesellschaft braucht, sondern zwangsweise nur noch in das, was dem bankrotten Finanzsystem und dem damit verbundenen Machtanspruch dient: eine neue grüne Finanzblase und politische Kontrolle.

Die Säulen des Stakeholder-Kapitalismus

Im Zuge deregulierter Finanzmärkte entwickelten sich die Flaggschiffe der sogenannten Vierten Industriellen Revolution, die GAFAM-Konzerne Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft, zu gewaltigen, weitestgehend unregulierten Monopolen. Facebooks Zuckerberg, Apples Tim Cook oder Peter Thiel, Mitbegründer von PayPal und Palantir, sind der Meinung, dass Monopole besonders geeignet seien, ethische Werte für den Rest der Wirtschaft zu formulieren, weil sie sich um den eigenen Profit nicht mehr sorgen müßten. Auch Larry Fink von BlackRock macht sich stark für die Einführung des ESG, weil er sich um das Wohl des Planeten sorge. Firmen, die sich nur um den kurzfristigen Profit kümmern, hätten das Wohl der nächsten Generationen nicht im Blick. Der internationale Business Council des Weltwirtschaftsforums unter der Leitung von Brian Moynihan, CEO der Bank of America, präsentierte deshalb, so Schwab, Ende letzten Jahres die „Stakeholder Capitalism Metrics“. Sie sollen, ganz ähnlich wie die Taxonomie der EU, in Zahlen messen, welche Fortschritte Unternehmen in Richtung auf Umwelt-, Sozial- und Governance-Ziele gemacht haben.

Diese Stakeholder Capitalist Metrics sollen nach den Plänen der Finanzsparte bereits 2022 eingeführt sein und werden angeblich von mehr als zwei Dritteln der 140 Firmen des DEF-Business Council unterstützt.

Alle großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, die sogenannten „Big Four“ (Deloitte, KPMG, EY, PwC) hätten an der Entwicklung der Metrics mitgearbeitet und setzten sich dafür ein, dass sie auf dem schnellsten Weg zum internationalen Standard und damit zur Realität werden.

Für das Modell des Stakeholder-Kapitalismus gibt es im Rahmen der Wirtschaftsgeschichte nur einen treffenden Namen: Faschismus mit grünem Gesicht.

  1. Stakeholder Capitalism, 2021 World Economic Forum. John Wiley & Sons, Inc., Hoboken, New Jersey. Alle Zitate sind Übersetzungen nach der englischen Ausgabe.[]
  2. Thomas Robert Malthus, 1766–1834. Er verbreitete damals schon – im Auftrag der Britischen Ostindien-Gesellschaft – die Ansicht, dass die Tätigkeit des Menschen die Natur überfordere.[]